Interview mit Dr. Zuzana Sebkova-Thaller zum Thema Qigong


Interview zum Thema Qigong
 

Interview Dr. Zuzana Sebkova-Thaller

“Durch dieses Hobby können wir unsere Lebensenergie pflegen und steigern…”

Dr. Zuzana Šebková-Thaller – Lehr- und Forschungsinstitut Qigongweg


Wie sind Sie zum ersten Mal auf das Thema Qigong aufmerksam geworden und was hat daran so begeistert?

Anfang der 80er Jahre bin ich von einem Freund gefragt worden, ob ich nicht an einem kleinen Qigong-Kurs mit Josefine Zöller bei ihm auf Lanzarote teilnehmen wollte. Ich sagte zu, ohne zu wissen, was mich tatsächlich erwartet. Josefine Zöller war Ärztin und eine der beiden heute berühmten Frauen, die damals Qigong nach Deutschland eingeführt haben. Wir übten täglich sechs Stunden, unabhängig davon, ob die Sonne brennend heiß war oder ob der Wind pfiff. Für uns Anfänger war es sehr anstrengend, aber ich habe gleichzeitig gemerkt, welche Kräfte ich damit in mir weckte. Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört zu üben – seit jetzt 30 Jahren.

Erzählen Sie uns mehr zum Ablauf eines Qigong-Trainings, was passiert denn da genau?

Die Trainingsformen können sich sehr unterscheiden, weil es verschiedene Qigong-Stile und außerdem noch verschiedene Zugänge zum Qigong gibt. Es gibt hartes Qigong, das die Grundlage für Formen des Kampfsports bildet, es gibt Stilles Qigong, das im Sitzen und Liegen praktiziert wird, und es gibt das Qigong-Gehen, das man in der Fortbewegung übt. Die Unterschiede werden zusätzlich verstärkt durch die persönlichen Neigungen der Lehrer. Der eine unterstreicht den meditativen Charakter, der andere betont das sportlich Dynamische. Generell kann man aber sagen: die Stunde beginnt mit dem Qigong-Stand, der Stabilität und Elastizität bietet und das Gefühl für innere Ordnung wie auch die wesentlichen Bezüge zur Welt wieder herstellt. Der Übende findet zu seiner Mitte. Dadurch reguliert sich der Atem und der Geist beruhigt sich. Zum Stand bereits gehört das so genannte „innere Lächeln“ – ein Zustand der inneren Zufriedenheit und Bejahung.

Nach dem Stand kommen meist Bewegungsübungen. Übungen mit stärkerer Bewegungskomponente regen den Energiefluss an und binden die Konzentration. Grundsätzlich ist es leichter, durch Bewegung zur Stille zu kommen als umgekehrt. Gerne beginnt man mit Klopf- oder Schwungübungen, die alles in Fluss bringen. Übungen meditativen Charakters werden gerne in der zweiten Hälfte der Übungsstunde gemacht, da die Wahrnehmung bereits gesteigert und die Konzentration besser ist.

Gegen das Ende der Übungsstunde werden wiederum gerne dynamischere Übungen praktiziert, die Entschiedenheit und Klarheit fordern; denn mit ihnen schafft man besser den Übergang zum Alltag. Eine jede Übungssequenz endet mit der Abschlussübung, die wir auch Sammelübung nennen. Sie sammelt die Energie mit Hilfe der Vorstellung in unserem Energiespeicher im Unterbauch und endet mit einer Dankesübung.

Welche Aspekte hat das Qigong auf das eigene Wohlbefinden und auf welche Weise kann es das Leben und den Alltag positiv beeinflussen?

„Qi“ bedeutet „Energie“, „Lebensenergie“, „Atem“. „Gong“ bedeutet „Pflege „oder „Arbeit“. Wie die Bedeutung des Begriffs „Qigong“ offensichtlich macht, können wir mit damit unsere Lebensenergie pflegen und steigern und dadurch den Anforderungen des Alltags besser gerecht werden. Der Alltag erschöpft uns nicht, weil wir einerseits einen höheren Energiepegel durch das Qigong haben, andererseits mit Qigong lernen, unsere Kräfte zu fokussieren und gezielt einzusetzen. Lernen wir, die Energie zu sammeln und auf einen Punkt zu bringen, werden wir wesentlich resistenter gegen den allgegenwärtigen Stress, der uns überall begegnet. Das distrahierende Vielerlei, die Unmenge an Informationen sind regelrechte Energiefresser, die unsere Aufmerksamkeit splitten und uns regelrecht „zerstückeln“.

Die Anwesenheit bei sich selbst, die man durch Qigong lernt, vermittelt aber das Gefühl, „ganz zu sein“. Ganz heißt auf schwedisch beziehungsweise auch holländisch „hel“ und „hel“ kommt aus derselben Wortfamilie wie „heil“, „heilen“, und auch „heilig“. Und dieses Gefühl können Sie mit einem einzigen gezielt und konzentriert ausgeführtem Atemzug erreichen! Inmitten eines Verkehrsstaus oder in der Schlange an der Kasse atmen Sie einmal mit Hilfe der Vorstellung Licht aus der Ferne durch alle Ihre Zellen in den Körper ein und dann breiten Sie es um sich mit einem wunderbaren inneren Lächeln aus – und statt ihr Gegenüber anzubrüllen, strahlen sie es an!

 

Interviewbild Dr. Zuzana Sebkova-Thaller

Dr. Zuzana Šebková-Thaller zeigt eine Qigong-Übung

Da Qigong ein ganzheitliches Konzept der Gesunderhaltung ist, wirkt es sich positiv sowohl auf den Körper wie auf unsere seelische und geistige Verfassung aus. Der Qigong-Stand vermittelt Stabilität und Elastizität auf allen Ebenen. Qigong schult unsere Wahrnehmung und diese wiederum führt zu einer gesteigerten Genuss-Fähigkeit und mehr Freude am Dasein. Es ist wunderbar zu sehen, wie Kinder bereits nach ein paar Unterrichtsstunden in Qigong die Natur wieder entdecken – so viele verschiedene Vögel, so viele Libellen! Und wie unterschiedlich die Frösche quaken können! Ich selber staune immer wieder, wie gut ich nach der Qigong-Stunde höre und sehe! Qigong kultiviert die Achtsamkeit, unterstützt die Bildung der Persönlichkeit und führt zur Eigenverantwortung, und das finde ich persönlich am wichtigsten.

 

Schön an Qigong ist auch, dass es für alle geeignet ist. Gesunde wie Kranke, und auch behinderte Menschen können Qigong praktizieren und von seiner wohltuenden Wirkung profitieren. Es kann auch überall geübt werden – drinnen wie draußen, auf der Arbeit oder in der Straßenbahn, stehend, sitzend oder auch liegend. Da es vor allem um die innere Wahrnehmung geht, muss sich niemand mit anderen messen. Der alleinige Maßstab ist das eigene Wohlbefinden.

Sicher bedarf es auch beim Qigong an Erfahrung und Praxis. Welche Unterschiede gibt es beim Praktizieren des Qigong zwischen Anfängern und Profis? Gibt es hier verschiedene Stufen, die man erreichen kann oder wie kann man sich das vorstellen?

Qigong braucht Zeit, weil es eine ganzheitliche Methode ist. Mit dem Geist können wir in einer verhältnissmäßig kurzen Zeit viel Information aufnehmen. Auch der Körper kann komplizierte Bewegungsabläufe schnell lernen. In Qigong aber muss all dieses Wissen förmlich „verinnerlicht“ und „verdaut“ werden. Jede Zelle muss es erfahren – und das braucht Zeit. Es bedarf zudem einer ständigen Wiederholung. Ob es Unterschiede zwischen Anfängern und Profis gibt? Natürlich. Die Profis üben nicht notwendigerweise schwerere oder andere Übungen als die Anfänger. Aber diese Übungen führen sie zu anderen Erlebnissen, weil die Wahrnehmungsfähigkeit differenzierter und die Vorstellungskraft weiterentwickelt sind. Sie sind mehr „im Fluss“, weil ihre entspannte Konzentration Körper, Geist und Seele zu einer überzeugenden Einheit vereint. Und um diese Einheit geht es, denn sie ist die Quelle des Wohlbefindens. Es können also oft Anfänger und Profis nebeneinander dieselben Übungen üben und jeder ist bei sich und arbeitet dort an sich selbst, wo er gerade ist.

Natürlich kann man Qigong auch zu einer äußeren Perfektion führen und diese dann sogar vergleichen und messen. Es gibt solche Tendenzen und zwar gerade in China, dem Ursprungsland von Qigong. Dort wird Qigong gegenwärtig zu einer äußeren technischen Perfektion entwickelt, die sehr an Leistungssport erinnert. Dort werden seit Neuestem auch Dan (Noten) von 1 bis 9 für die Durchführung verliehen. Diese Tendenz widerspricht aber dem Wesen von Qigong. Es gibt auch in Deutschland „Stufen“ in Qigong – nämlich den „Kursleiter“, den „Lehrer“ und die „Ausbilder“ in Qigong. Diese beziehen sich auf die Stufen der Lehrenden gemäß den Allgemeinen Ausbildungsleitlinien in Qigong. Diese sind vom Deutschen Dachverband für Qigong und Taijiquan (DDQT) festgelegt worden, um die Qualität der Lehrenden in Deutschland zu sichern und beziehen sich auf ein bestimmtes Pensum vom theoretischem, pädagogischem und praktischem Wissen, das innerhalb von einer bestimmten Zeit an einem der vom Dachverband anerkannten Ausbildungsinstitute gelernt wurde. Nur interessehalber: die Mindestdauer der Kursleiter Ausbildung ist zwei Jahre, der Lehrerausbildung fünf Jahre und ein Ausbilder muss acht Jahre als Lehrer unterrichtet haben, bevor er oder sie als AusbilderIn angenommen werden kann.

Kann man sich Qigong auch alleine beibringen? Was halten Sie von all den DVDs und Büchern die es mittlerweile zum Qigong gibt?

Qigong wird immer persönlich vermittelt. Mit dem Wissen – der äußeren Form und der Erklärung des Lehrenden – wird auch das Qi, die Energie, vermittelt. Ein guter Lehrender übermittelt den Kursteilnehmern durch die Weise seines Übens, durch die Schwingungen seiner Stimme wie durch seine Wortwahl das Qi. Um diese Qi-Erfahrung geht es – und die ist an die persönliche Erfahrung gebunden. Es gibt, wie in allem, auch Ausnahmen, so etwa Filme, die das Qi hervorragend transportieren, und Bücher, die durch eine bildhafte Sprache Qi vermitteln, aber diese Ausnahmen bestätigen nur die Regel. All die Bücher, DVDs und Tonträger – und ich habe auch eine Reihe geschrieben und produziert – sind als begleitende Unterstützer für diejenigen da, die an einem Kurs teilnehmen und zuhause mit Anleitung üben oder weitere Aspekte über die im Kurs gelernte Übungen erfahren wollen.

Gute Bücher über Qigong geben eine erste Einführung in das zunächst ungewohnte Denken, das sich hinter dem Qigong verbirgt. Denn das chinesische Verständnis von Gesundheit und Krankheit unterscheidet sich vom westlichen ganz gewaltig. Solche Bücher schildern auch grundsätzliche energetische Prinzipien – wie die Achtsamkeit oder das „innere Lächeln“. Diese Dinge kann man durch solche Medien gut vermitteln, ebenso die Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), wie zum Beispiel die Elementen- und Meridianlehre. All das kann neugierig machen und einladend wirken – und darin liegt sein Sinn.

Angenommen man ist durch Ihre Worte neugierig geworden und beginnt sich für Qigong zu interessieren. Wie sollte man Ihrer Meinung nach die ersten Schritte machen, wie findet man den besten Einstieg?

Interessierte sollten natürlich zunächst einen Qigong-Kurs belegen. Heute wird Qigong überall angeboten. Die an den Volkshochschulen und für Krankenkassen tätigen Qigong-Dozenten müssen dort heute meist ihre Qualifizierung nachweisen. Bei privat Lehrenden ist es empfehlenswert, sich zu informieren, ob diese Dozenten das Gütesiegel des Dachverbands besitzen. Wer Zweifel hat, kann bei der Geschäftsstelle des DDQTs nachfragen. Und sollte jemand nicht zufrieden sein, dann ohne Scheu den Lehrer oder die Lehrerin wechseln, denn dann hat vielleicht die „Chemie“ nicht gestimmt. Auf jeden Fall lohnt es sich, Qigong zu erlernen – der Tag sieht dann einfach anders aus!



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